Menschen & Geschichten
Systemwandel finanzieren: Ein Gespräch mit Dr. Maja Göpel
Insights aus der Mai-Masterclass im Club Neues Geben
05.05.26
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3 Minuten

Insights aus der Mai-Masterclass im Club Neues Geben
Im Mai war Politökonomin und Transformationsforscherin Dr. Maja Göpel im Club Neues Geben zu Gast, um mit uns einen Blick unter die Oberfläche unseres Wirtschaftssystems zu werfen. Maja hat mit uns darüber gesprochen, warum die gängigen Regeln für Geld und Märkte keine Naturgesetze sind, sondern eine Art menschengemachte "Software", die dringend ein Update braucht. Vor allem aber ging es um die Frage, die viele von uns umtreibt: Wo hat privates Vermögen den größten Hebel, um dieses Update anzustoßen und echten Wandel zu bewirken?
Für alle, die nach Antworten auf die Frage suchen, wie philanthropisches Engagement einen Systemwandel vorantreiben kann, haben wir die zentralen Thesen aus dem Gespräch mit Felix Oldenburg hier aufbereitet.
Felix: Maja, du sprichst von einer "mentalen Infrastruktur", die unser Handeln bestimmt. Was bedeutet das für Philanthropen, die mit ihrem Geld etwas bewegen wollen?
Maja Göpel: Es bedeutet zu erkennen, dass wir oft nur die Symptome eines kranken Systems behandeln. Die "mentale Infrastruktur" sind die tief verankerten Spielregeln unserer Wirtschaft – und diese sind menschengemacht. Sie sind keine Naturgesetze, auch wenn sie oft so dargestellt werden. Diese Regeln bevorzugen systematisch die Vermehrung von Finanzkapital, während reale Werte wie eine intakte Natur, Bildung oder sozialer Zusammenhalt als Kosten oder "Externalitäten" abgetan werden.
Ein absurdes, aber reales Beispiel dafür ist die Arbeit des deutschen Normenkontrollrats. Er soll Bürokratiekosten messen.
Nach dieser Logik sind also Investitionen in Kinder und faire Löhne ein reiner Kostenfaktor, weil der langfristige gesellschaftliche Nutzen in der Messung gar nicht vorkommt. Der größte Hebel für Philanthropie liegt darin, nicht länger nur die Folgen dieses Systems abzumildern, sondern die fehlerhaften Spielregeln selbst zu verändern.
Felix: Wo kann man als einzelner Vermögender überhaupt ansetzen, um "Spielregeln" zu verändern?
Maja Göpel: Genau hier liegt die einzigartige Chance von privatem Kapital. Es kann flexibel und mutig dort investieren, wo es (noch) kein klassisches Geschäftsmodell gibt. Ich sehe einen kraftvollen Drei-Schritt für wirksame Philanthropie:
Spenden, wo der Markt versagt: Die Wiedervernässung von Mooren ist ein perfektes Beispiel. Sie ist eine der effektivsten CO2-Senken, die wir haben, aber es gibt kein marktbasiertes Modell dafür. Philanthropie kann hier einspringen und dieses lebenswichtige Naturkapital regenerieren. Das Gleiche gilt für Investitionen in sozialen Zusammenhalt, in unabhängigen Journalismus oder in die Stärkung lokaler, demokratischer Strukturen. Es geht darum, die fundamentalen Kapitalformen – Naturkapital, Sozialkapital, Humankapital – wieder aufzubauen, die unser aktuelles Wirtschaftssystem erodiert.
Die politische Infrastruktur stärken: Das ist der wirkungsvollste Hebel. Es geht darum, das "Betriebssystem des Wandels" zu finanzieren. Unterstützt Organisationen, die an den politischen Rahmenbedingungen arbeiten. Das ist keine "abstrakte" Spende, sondern ein Investment in die Grundlagen von allem, was danach kommt. Thinktanks wie Dezernat Zukunft oder Bildungsinitiativen wie das Netzwerk Plurale Ökonomik leisten hier entscheidende Arbeit. Sie schmieden Koalitionen, informieren die Politik und bringen neue, zukunftsfähige Narrative in die Öffentlichkeit, damit diese irgendwann zur neuen Norm werden.
Besser investieren und Pioniere fördern: Wenn wir investieren, müssen wir neue, klügere Fragen stellen. Nicht nur: "Was ist die finanzielle Rendite?", sondern: "Was ist der soziale und ökologische Return?". Wir müssen die Kriterien für ein gutes Investment zu erweitern: Ist der Zeithorizont lang genug gedacht (mindestens 10 Jahre)? Sind die Kriterien breit genug (Soziales & Ökologisches mitgedacht)? Und ist der räumliche Kontext groß genug (globale Auswirkungen bedacht)? Hier können wir gezielt Pioniere unterstützen, die neue, nachhaltige Geschäftsmodelle entwickeln. Venture-Capital-Fonds wie Planet A Ventures machen genau das, indem sie Start-ups wie traceless materials fördern, die von Anfang an auf Kreislaufwirtschaft und echten, messbaren Impact setzen.
Felix: Viele Vermögende fühlen sich unter Druck, ihr Geld primär für die eigene Familie zu sichern, anstatt es für solche Zwecke zu "riskieren". Was entgegnest du dem?
Maja: Ich würde den Satz "Meine Kinder sollen es besser haben" nehmen und ihn wirklich ernsthaft neu interpretieren. "Besser" bedeutet in der Welt von heute nicht mehr nur "mehr". Es bedeutet, in einer Gesellschaft mit sauberer Luft, stabilen demokratischen Verhältnissen und einem hohen Maß an Vertrauen zu leben.
"Warum haben wir nicht bemerkt, dass mehr haben nicht mehr mit glücklicher werden [...] zusammenfindet?"
Die rein finanzielle Vorsorge ist eine Illusion von Sicherheit, wenn die Systeme um uns herum kollabieren. Maja erzählte von der Strategie Dubais, das jetzt massiv Devisen sammelt, um Land in Afrika zu kaufen, weil man weiß, dass das eigene Land im Klimawandel untergehen wird. Das ist die Endkonsequenz einer rein extraktiven Logik. Eine Investition in unsere gemeinsamen gesellschaftlichen Grundlagen ist daher die sicherste und wertvollste Anlage für die Zukunft unserer Kinder. Es ist keine Konkurrenz zur familiären Vorsorge, sondern deren notwendige Voraussetzung.
Kompass zum Handeln: Weiterführende Links
Von und mit Maja Göpel:
Podcast "NEU DENKEN" von Mission Wertvoll: Zur Webseite des Podcasts mission-wertvoll
Ihre Organisation "Mission Wertvoll": Zur Webseite
Bücher & Studien, die den Horizont erweitern:
"The Code of Capital" von Katharina Pistor: Mehr Informationen (Princeton ... press.princeton
OECD Better Life Index: Zum Index oecdbetterlifeindex
Das Easterlin-Paradox: Zum Artikel im Online-Lexikon ... lexikon.stangl
Organisationen, die den Wandel vorantreiben:
Dezernat Zukunft: Thinktank für eine neue Finanz- und Wirtschaftspolitik. Zur Spendenseite auf bcause
Netzwerk Plurale Ökonomik: Für mehr Vielfalt in der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre. Zur Spendenseite auf bcause
Planet A Ventures: VC-Fonds für Green-Tech-Startups mit messbarem Impact. Zur Webseite planet-a
traceless materials: Startup für eine nachhaltige Alternative zu Plastik. Zur Webseite traceless
Scientists for Future: Zur Webseite
Politische Rahmenbedingungen:
EU Nature Restoration Law: Das Gesetz zur Wiederherstellung der Natur. Informationen der EU-Kommissio... environment.ec.europa
Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU): Eine der größten Stiftungen Europas für den Umweltschutz. Zur Webseite dbu
Maja Göpel ist Politökonomin, Transformationsforscherin, Bestseller-Autorin und Gründerin von Mission Wertvoll. Sie war Gast im Club Neues Geben, einem geschlossenen Kreis von Menschen, die gemeinsam mehr geben wollen und sich dazu regelmäßig austauschen.
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Geschrieben von

Katharina Bauch

