9/26 Antriebsprobleme / Anlage für Spenden / AI
Hallo! Du liest Das Neue Geben mit aktuell 7.242 anderen. 📖 Diese Ausgabe vom Mittwoch, 30. September 2026 hat 2.200 Wörter, Lesezeit ca. 9 Minuten
Liebe Lesende,
„The night is darkest before the dawn", heißt es im (besten) Batman-Film „The Dark Knight". Nein, das ist kein Kommentar zu den Landtagswahlen¹. Es ist mein Eindruck von der Veränderung, vor der das Geben in Deutschland steht.
Denn ich glaube, wir stehen vor einer spürbaren Steigerung. Weil vier Dinge zusammenkommen: klarere Dringlichkeit, einfachere Infrastruktur, bessere Rahmenbedingungen und mehr sichtbare Vorbilder im eigenen Umfeld. Das ist nicht von mir, das sagt die Wissenschaft, zum Beispiel in How Minds Change (David McRaney, 2022). Eine neue Norm wird zum Selbstläufer, sobald etwa ein Viertel einer Gruppe sie lebt (Damon Centola in Science).
Das Neue Geben kommt. In jedem der letzten Monate haben wir bei bcause Einzahlungen in Millionenhöhe verzeichnet. Die durchschnittliche Transaktion liegt bei über 2.000 Euro (im Gesamtmarkt sind es 46 Euro), inzwischen sind über 200 Großspendende im Club Neues Geben organisiert. Besonders sichtbar ist der Umschlagpunkt in einem Thema wie Demokratieförderung: 2023 gingen zwei Prozent der Allokationen auf unserer Plattform dorthin. 2026 sind es Millionen, fast ein Drittel aller Förderungen, die meisten davon kollektiv.
Und auch bei den Rahmenbedingungen tut sich etwas: Vor einem Jahr habe ich in diesem Newsletter eine “Generosity Commission” angeregt, für bessere Spenden- und Stiftungspolitik. Jetzt kommt es dazu, siehe unten. Sie hat viel zu tun, wie der Essay zeigt, den ich nach einem Gespräch mit Miriam Peters geschrieben habe, das man auch als Podcast (endlich wieder mal!) nachhören kann.
Herzlich, Felix
¹ An die Organisationen, die ich vor vier Wochen auf der Liste “Offener Osten” geteilt habe, sind seitdem €102.000 gegeben worden. Wer sich für Empfehlungen in anderen Themen interessiert: Auch Ise Bosch, Eckart von Hirschhausen u.v.a. haben solche Portfolios auf der Plattform.
✍️ ESSAY: Antriebsprobleme

Bild: Von innen sieht alles anders aus. Eine mobile Beratungsstelle für Frauen.
In Sandesneben, eine halbe Stunde von Hamburg, fahren unmarkierte weiße Transporter über die Dörfer. Wer einen sieht, denkt an Handwerker. Hinten ist ein Büro eingebaut. Darin berät Miriam Peters mit ihrem Team von den Land-Grazien Frauen und Kinder, die von Gewalt betroffen sind. Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt oder der Schule, dort, wo die Frauen ohnehin sind und niemand Fragen stellt.
Für eine neue Episode meines Podcasts habe ich mit Miriam darüber gesprochen, wie ihre Arbeit von innen aussieht, wie es mit dem Geld funktioniert. Oder eben nicht. Vieles davon höre ich überall. Wenn Nonprofit-Arbeit in Deutschland ein Auto wäre, sie käme nicht durch den TÜV.
Erstens ist der Treibstoff falsch: Geld wird für Kosten statt für Ergebnisse gezahlt. Miriams erster Antrag an die Kommunalpolitik, fünf- bis zehntausend Euro, scheiterte an Bürgermeistern, die sagten, ihren Frauen gehe es doch gut. Die erste Zusage kam dann von einer Sparkassenstiftung. 2.500 Euro, ausschließlich für Sachkosten. Ihre eigene Arbeitszeit konnte Miriam nur einbringen, weil ihr Mann genug verdiente. Wer ein Auto kauft, schreibt dem Hersteller nicht vor, wofür er das Geld ausgibt, und verlangt hinterher keinen Kostenbericht. Wer soziale Arbeit fördert, tut genau das.
Zweitens gibt es nur Starthilfe. Nach einem Dreivierteljahr Antragsschleifen kam die Aktion Mensch mit gut 80.000 Euro pro Jahr, für fünf Jahre. Mit marktüblichen Auflagen: Die Förderung endet nach fünf Jahren. Eine Anschlussfinanzierung ist ausgeschlossen – auch dann, wenn sich die Arbeit bewährt hat. Aus einer Stelle wurden sechs, denn je bekannter die Beratung wird, desto mehr Frauen melden sich. Kaum läuft der Motor rund, wird der Tank abgeklemmt. Jetzt fällt gut ein Viertel des Budgets weg, eine Panne mit Ansage und System.
Drittens leckt der Tank. Gemeinnützige Organisationen müssen Spenden zeitnah verwenden, spätestens in den zwei Jahren nach dem Eingang. Rücklagen sind möglich, aber nur mit Vorplanung und Steuerberater. Und was auf dem Konto liegt, bringt fast nichts. Bei den Land-Grazien kosten die Kontogebühren mehr, als die Zinsen einbringen. Als Miriam bei zwei Banken nach Anlagemöglichkeiten fragte, bekam sie zu hören: „Sie sind ja eh nur Sozialarbeiterin."
Falscher Treibstoff, nur Starthilfe, löchriger Tank. Zusammen ergibt das ein Fahrzeug, bei dem Erfolg bestraft wird, Planung teuer ist und Geld an Wert verliert, während es wartet. Wer in eine Nonprofit-Organisation einsteigt, ist mit vielen Konstruktionsfehlern unterwegs. Manche gründen deshalb Forprofit-Sozialunternehmen, aber für die Arbeit von Miriam und einer halben Million weiterer gemeinnütziger Organisationen ist das keine Option.
Das hat unsichtbare Folgekosten, die uns überall begegnen: Die meisten gewaltbetroffenen Frauen haben keinen weißen Transporter am Wohnort. Und leiden mit ihren Kindern, die oft ein Leben lang mit schwerem Gepäck durchs Leben gehen.
An dieser Stelle rufen die meisten nach mehr Staat. Miriam konzentriert sich nach unzähligen vergeblichen Gesprächen mit Kreis und Land auf private Gebende, dort ist sie erfolgreich und hat weniger unnötige Auflagen.
Viel ließe sich reparieren, ohne dass der Staat einen Euro mehr ausgibt. Mehrjährige, freie Förderung für Organisationen, die sich bewährt haben. Anschlussfinanzierung als Regel. Klare Spielräume für Rücklagen und eine Anlage, die mehr bringt, als die Kontogebühr kostet. Diese Mängelliste gehört auf den Tisch der Kommission, die wir gerade vorbereiten (siehe Idee unten). Es wäre die erste Hauptuntersuchung des Gebens in Deutschland.
Die weißen Transporter fahren trotz allem weiter.
Ein Mensch, der mich inspiriert: Miriam Peters

Bild: Die Gründerin der Land-Grazien
Miriam Peters hat ihre Laufbahn als Sozialarbeiterin im Frauenhaus in Lübeck begonnen. Dort mussten sie immer wieder Frauen abweisen, weil Zeit, Personal und Geld fehlten. Die Frage, was aus diesen Frauen wird, besonders aus denen auf den Dörfern, hat sie nicht mehr losgelassen.
2020 gründete sie den Trägerverein der Land-Grazien, 2021 die mobile Beratungsstelle. Sie lebt selbst auf dem Dorf und beschreibt die Nähe dort mit einem Satz über die eigene Familie: Ihr Vater ging mit ihrem Schwiegervater in eine Klasse, die Schwiegermutter führt die Landfrauen, die Cousine arbeitet auf dem Amt. Wer so lebt, geht nicht unbemerkt in eine Beratungsstelle. Deshalb kommt die Beratung zu den Frauen.
Letztes Jahr erhielt sie die Goldene Bild der Frau und war monatelang auf Plakaten im ganzen Land zu sehen. Mein Gespräch mit ihr gibt es überall, wo es Podcasts gibt. Und hier kann man die Land-Grazien unterstützen.
bcause für Organisationen

bcause ermöglicht gemeinnützigen Organisationen, Spenden digital zu sammeln, zentral zu verwalten, flexibel abzurufen und bis dahin zu verzinsen.
Die meisten Organisationen lassen Spenden auf dem Girokonto liegen, bis sie gebraucht werden. Klar, denn entweder müssen sie zeitnah verwendet werden, oder man muss aufwändig Rücklagen rechtfertigen. Eine bessere Anlage kostet Zeit, braucht Fachwissen, und die Sorge vor Verlusten oder Ärger mit dem Finanzamt ist groß. Das Ergebnis zeigt eine kleine Umfrage unter 60 Organisationen, die wir in den letzten Wochen gemacht haben: Drei Viertel der Befragten erhielten weniger als 1% Zinsen oder wussten es nicht.
Das geht anders. Bei bcause landen Spenden an eine Organisation zunächst auf ihrem Spendenkonto in der bcause Treuhandstiftung. Dort werden die Guthaben vieler Organisationen gemeinsam angelegt und mit 2% p.a. verzinst. Die Frist für die zeitnahe Mittelverwendung beginnt erst, wenn die Organisation das Geld abruft.
Für konkrete Fragen zur bcause-Nutzung einfach einen Online-Termin mit meinen Kolleginnen Nicole und Simone buchen.
Eine Zahl, die im Kopf bleibt: 700 Milliarden Dollar
So viel investieren die vier größten Tech-Konzerne dieses Jahr in AI. Wie viel braucht es, um die Risiken einzugrenzen? Meine Handelsblatt-Kolumne vom Freitag zu AI Safety ist jetzt frei lesbar. Seitdem ist sie noch dringender geworden. Denn am Wochenende hat OpenAI das Training seiner stärksten Modelle gestoppt, nachdem erneut Agenten ausgebrochen waren. Am Montag wurde der Release des nächsten Modells erstmal abgesagt.
Innerhalb weniger Monate ist das Thema von einer Nerd-Nische zu einem Thema geworden, das niemand ignorieren kann, das sich vor alle anderen Risiken schiebt. Aber die Politik hinkt hinterher. Trump und Xi haben vergangene Woche nichts vereinbart. Die EU-Einheit, die daran arbeitet, hat laut New York Times rund 40 Leute. Das reicht nicht.
Jetzt formiert sich auch die Philanthropie, um unabhängige Institute, Regulierungsvorschläge, Weiterbildung für Beamte und Öffentlichkeit zu finanzieren. Bisher ist die Szene unübersichtlich, und umso hilfreicher ist die von Miki Yokoyama (Aurum Impact, in bcause investiert) und anderen recherchierte Liste von Organisationen. Darunter sind einige, die schon in Deutschland arbeiten oder gerade hier anfangen. Sie sind hier auf einmal mit einem Klick finanzierbar, und mit Spendenquittung. Die Organisation Effektiv-Spenden hat zum Thema viel Hintergrund recherchiert.
Im Moment steckt weniger als eine Milliarde im gesamten Feld der AI Safety. Klug eingesetzt, kann hier auch wenig Geld viel bewirken.
Club Neues Geben
Nichts motiviert so zum Geben wie andere im Umfeld, die es auch tun. Aber wo kann man das sehen? Im Club Neues Geben passiert das im vertraulichen Rahmen in Webinaren. Und demnächst mit einer Datenbank von Transaktionen über €10.000, die erste solche Datenquelle in Deutschland. Aus den aktuell über 500 Einträgen kann man bereits erste Trends ablesen.
Am Morgen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt war Gauri van Gulik (Better Politics Fund und DearMoney) zu Gast im Club Neues Geben. Sie erklärte die drei Ebenen der Demokratieförderung: Institutionen schützen, Beteiligung stärken, Politik selbst verbessern. Ein Blick in die Datenbank zeigt, dass dieses Jahr bereits mehr Großspenden in dieses Feld geflossen sind als in allen Jahren zuvor und mehr als in jedes andere Thema. Bei Bedarf können wir die Gebenden dann persönlich miteinander vernetzen.
Der Club Neues Geben ist für alle, die sich finanziell fünfstellig pro Jahr engagieren oder engagieren wollen. Schreib gern an katharina.bauch@bcause.com.
Eine Idee zum Weiterdenken: Die Generosity Commission kommt!

Bild: Empfang beim Bundespräsidenten nach dem Forum Neues Geben, 8.9.2026
Vor zehn Monaten habe ich hier im Newsletter angelehnt an die USA eine Großzügigkeits-Kommission für Deutschland vorgeschlagen, „gern mit Mandat aus der Politik, aber wenn nötig auch ohne". Jetzt wird es ernst.
Am 8. September haben Vermögende, Wissenschaft, Politik und Sektor beim Forum Neues Geben in der Berliner Bahnhofsmission beraten, anschließend hat der Bundespräsident die Runde empfangen. Dort entstand der Vorschlag einer Kommission. Elisabeth Niejahr hat im Gemeinwohl.Table darüber geschrieben, gemeinsam bereiten wir sie jetzt vor.
Der Auftrag: in zwölf Monaten Empfehlungen erarbeiten, wie Bereitschaft und Voraussetzungen für privates Geben in Deutschland wachsen können. Gerichtet an die Politik und ebenso an Gebende, Stiftungen und gemeinnützige Organisationen. Fünf Felder stehen im Mittelpunkt. Erstens Stiftungsvermögen, mit mehr Spielraum bei Anlage und Ausschüttung. Zweitens die Infrastruktur des Gebens, denn Spenden, Poolen und Weitergeben müssen so einfach werden wie alles andere im digitalen Zeitalter. Drittens Kultur und Vorbilder. Viertens gemeinsame Instrumente von Staat und Gesellschaft. Fünftens Daten und Transparenz. Das Ziel dahinter: eine Verdopplung des privaten Gebens in zehn Jahren.
Die ersten Finanzierungszusagen sind da. Für die übrigen Mittel suchen wir noch zwei bis drei Förderer, die sich beteiligen möchten. Wer mitmachen oder jemanden empfehlen möchte, schreibt mir.
💡 Lesen, Hören, Anschauen
🎧 PODCAST IS BACK: Das Neue Geben in der Einzelfolge #60 mit Miriam Peters über ihre Arbeit gegen häusliche Gewalt und das große Spiel ums kleine Geld, das gemeinnützige Organisationen in Deutschland prägt. Eine Folge, die anschaulich macht, wie soziale Arbeit trotz allem weitergeht.
📺 EINSCHALTEN: Beitrag über bcause im n-tv Startup-Magazin am 2.10.2026, 18:40 Uhr, live und danach online
🗞️ Handelsblatt „Vermögen verstecken?" (15.9.): Ein Gründer fragt mich nach seinem Exit, ob er sein Geld in eine liechtensteinische Stiftung bringen soll, und ist damit inzwischen der Normalfall. Seit 2025 werden in Deutschland mehr Stiftungen zum Schutz von Privatvermögen gegründet als für gemeinnützige Zwecke. Unter der Steuerfrage liegen wie bei einer Zwiebel die eigentlichen Fragen: Was ist genug, wozu soll das Geld dienen, und in welcher Welt sollen die Kinder leben?
🗞️ Handelsblatt „Wer bezahlt die Aufpasser der KI?" (25.9.): Die großen Tech-Konzerne investieren in diesem Jahr knapp 700 Milliarden Dollar in KI, die gesamte Philanthropie bringt für deren Sicherheit keine Milliarde zusammen. Die erwartete Spendenwelle aus Kalifornien hat einen Konstruktionsfehler, denn das Geld steckt in den Aktien derer, die KI bauen.
🗞️ Gemeinwohl.Table: „Eine Generosity Commission für Deutschland" von Elisabeth Niejahr (15.9.)
📅 Kommende Termine
17.10. Auftakt des Erbschaftsteuer-Trialogs, initiiert von Prof. Gesine Schwan
9.11. Aufwind-Festival, Gera
25./26.11. Impact Festival, Frankfurt
1.12. Giving Tuesday!
🔍 Needs & Leads
🚀 Noch einmal, weil es so gut passt: Leadership-Programme gibt es zuhauf, aber es gibt einen Grund, weshalb ich jedes Jahr wieder gern in Wien beim Ashoka Visionary Program vortrage. Hier kommen aus ganz Europa Menschen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik zusammen, die über ihre Organisationen hinausdenken und ganze Systeme verändern wollen. Die Bewerbungsfrist ist heute, also direkt klicken!
🚀 Die Gesellschaft für Freiheitsrechte, die auch auf meiner Liste „Offener Osten" steht, eröffnet nach Rücksprache mit Partnern vor Ort (vorübergehend) ein Büro in Sachsen-Anhalt. Der Bedarf an juristischer Unterstützung und strategischen Klagen ist hoch. Wer Menschen kennt, für die eine Unterstützung interessant sein könnte, leitet das gern weiter: https://freiheitsrechte.org/bereit
Schreibt mir gern mit Euren Needs und Leads.
Felix Oldenburg ist Gründer und Autor - auf einer Mission für eine Gesellschaft, die Lösungen finanziert statt Probleme zu verwalten. 🔗 Buch "Der gefesselte Wohlstand" hier bestellen 🎧 Oder als Hörbuch beim Joggen, Kochen, Autofahren... 📱Auf LinkedIn und (seltener) Instagram für Gedanken und Diskussionsanstöße. 🔁 TEILE DIESEN NEWSLETTER
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Es wird so viel geschrieben. Über alles. Außer über das Geben. Täglich begegnen mir Menschen, die mehr geben wollen und können. Ideen und Organisationen, die einen Unterschied machen.
In meinem Newsletter spreche ich über Themen, die sonst unerklärt bleiben: Warum Menschen geben oder eben nicht, welche Wege und Irrwege sie gehen, wie der Markt des Gebens funktioniert - in überraschenden Zahlen, mit inspirierenden Porträts und provokanten Ideen.

